Richard Strauss hätte zehn Minuten gebraucht. Es sind 800 Meter zu Fuß von seinem Geburtshaus am Altheimer Eck zum 25hours Hotel gegenüber vom Münchner Hauptbahnhof. Hier hat das reizende Hotelmanagement für das BÜHNE-Team die Bar im zweiten Stock für zwei Stunden gesperrt. Nicht, damit wir uns ungestört betrinken können. Die schwedische Sopranistin Malin Byström singt gerade an der Bayerischen Staatsoper vier Vorstellungen von Puccinis „La fanciulla del West“. Davor hatte sie ein Engagement als Salome am Royal Opera House in London, danach als Tosca ebendort. München ist also der einzige Ort, an dem Zeit für ein Fotoshooting dieser Größenordnung ist.

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Malin Byström ist die Salome in der Neuinszenierung von Cyril Teste, die am 2. Februar in Wien Premiere feiern wird. Nordische Entspanntheit trifft auf Hysterie. „Salome ist in diesem Haushalt verloren, niemand hat je wirklich auf sie aufgepasst“, sagt sie, während sie sich für das erste Fotomotiv fertig macht.

Nach ein bisserl mehr als fünfzig Jahren darf die Inszenierung von Boleslaw Barlog in den Ruhestand gehen. Karl Böhm hat die Premiere am 22. Dezember 1972 dirigiert. Leonie Rysanek war die Salome, Eberhard Waechter der Jochanaan. Jürgen Rose zeichnete für den Jugendstil-Chic verantwortlich, der bis heute Fans und Kritiker spaltet.

„Lächerliche Kostümierung, desorientiert herumstehendes Personal, eine patinierte, rettungslos verschlampte Ästhetik“, schrieb einmal der „Standard“. „Ein kulturelles Aushängeschild und Jugendstil-Kleinod, das Denkmalschutz verdient“, hingegen der „Online Merker“. Die Buhs und Bravos sind den jeweiligen Fraktionen also schon im Vorfeld zuordenbar. So berechenbar ist Wien. Oder doch nicht?

Malin Byström
Ein spontaner Einfall … von Fotograf Peter Rigaud: Malin Byström vor der Straßenbahnlinie 20. Diese verbindet den Münchner Stadtbezirk Moos­ach mit der Innenstadt. Hier die Station vor dem Hauptbahnhof.

Foto: Peter Rigaud

Das neue Setting

Damit wir ein wenig an der Emotionalisierung mitarbeiten, sei hier das Setting von Testes Neuinszenierung verraten: Das Stück spielt während der exklusiven Geburtstagsfeier eines Potentaten aus dem Nahen Osten. Botschafter sind anwesend, hohe Militärs. Das Bankett ist der Drehpunkt. Seine Stieftochter taucht auf, und im Laufe des Abends wird ihre Geschichte erzählt: was sie als Kind an Lieblosigkeit und Übergriffen erlebt hat. Schlüsselemotion und treibende Kraft ist für den Regisseur die Verzweiflung Salomes. Es gibt eine Fotografin und einen Kameramann, die das Geschehen dokumentieren sollen, und filmische Flashbacks aus der Vergangenheit, um die Gegenwart besser zu verstehen.

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Wir haben mit den wichtigsten Protagonist*innen der Neuinszenierung gesprochen:

  • Mit dem französischen Regisseur Cyril Teste, einem völlig unbeschriebenen Blatt – hierzulande.
  • Mit Malin Byström, Sopranistin, die bereits in den wichtigsten Häusern der Welt die Salome gesungen hat, aber noch nicht an der Staatsoper.
  • Mit Sergio Morabito, dem Chefdramaturgen – er ist jener Mann, der Cyril Teste für das Haus am Ring entdeckt hat.
  • Und mit Bogdan Roščić, dem Direktor, der 2019 mit dem Zug von Paris aus in die französische Provinz fährt, um das Theaterstück „Opening Night“ zu sehen – das Teste inszeniert hat und in dem Isabelle Adjani die Hauptrolle spielt –, um ein Gefühl für das Talent zu bekommen.

Alles begann in der französischen Provinz

Von München machen wir einen großen Sprung in den zweiten Stock der Wiener Staatsoper. Ganz am Ende des Ganges befindet sich das Büro des Direktors. Wir treffen ihn auf zwei kurze Fragen.

Mit Cyril Teste darf ein Regisseur an „Salome“ ran, der bislang nur in Frankreich auf sich aufmerksam gemacht hat – auch durch seine spektakuläre Hermès-Modenschau.

Bogdan Roščić: Wir kannten Teste alle miteinander nicht. Chefdramaturg Sergio Morabito hatte in Paris aus purem Zufall eine seiner Inszenierungen gesehen. Er war so begeistert, dass wir begonnen haben, Teste intensiver zu beobachten. Ich erinnere mich an einen knallvollen Theaterabend mit Isabelle Adjani in irgendeiner riesigen Mehrzweckhalle mitten in der Pampa bei Paris. Da kamen wir ins Gespräch – und auf „Salome“.

Teste sagt: „Meine Arbeit ist kein Theater. Sie ist Film in Echtzeit.“ Wird so die „Salome“?

Bogdan Roščić: Das bedeutet bei Teste zunächst einmal grandiose Personenführung bis ins Detail statt Abspulen von Standardgesten. Aber Teste wird auch mit Live-Video arbeiten. Einem Stilmittel, das nur dann legitim ist, wenn dadurch Dinge sichtbar und erlebbar werden, die das Publikum sonst nicht mitbekommt. Dennoch ist Teste ganz und gar Bühnenkünstler. Ich darf nicht zu viel verraten, aber zum Beispiel löst er den Schleiertanz auf eine mich tief berührende, mir so noch nicht bekannte Weise, die völlig zwingend aus dem Zentrum seiner Interpretation kommt. Und mit Malin Byström erlebt Wien eine neue Salome.

So klingt Byström als Salome

Zuletzt – und das war im Oktober 2020 – sang Byström an der Staatsoper an der Seite von Jonas Kaufmann in Verdis „Don Carlos“ die Elisabeth. Die Kritik schrieb: „Malin Byström berückte mit einem frappant süßebefreiten Sopran, in dem stets eine Ahnung von Verhängnis zu beben schien.“ Die Salome aber ist eine ihrer Paraderollen. Quer durch Europa, an vielen großen Häusern, hat sie sie schon gesungen – aber noch nie in Wien. Also müssen wir andere fragen, die Byström schon in dieser Rolle gehört haben.

Byström ist ein Theatertier, das einen alles verschlingenden Strom von Emotionen entfesseln kann.

Tim Ashley, „The Guardian“

Einer von ihnen ist Tim Ashley, Kritiker einer der erfolgreichsten Tageszeitungen Englands, des „Guardian“. Nur wenige Tage nach dem Tod der Queen – Mitte September – singt Byström die Salome an der Royal Opera in London. Ashleys Kritik lässt Vorfreude aufkommen: „Byström ist ein Theatertier, das die ganze Entwicklung von Salomes tödlicher Besessenheit zeigt und in der letzten Szene einen alles verschlingenden Strom von Emotionen entfesselt. Ich habe sie 2018 in der Rolle gehört, seit damals ist ihr Sopran eine Spur dunkler geworden. Aber das passt.“

Malin Byström: Verdi, Strauss und Wagner

Zurück in München, bei unserem Shooting mit der sympathischen Schwedin. Ein Hotelzimmer ist Garderobe und Lagerplatz für all die Kleider und die gesamte Ausstattung, die man für einen Cover-Termin so braucht. Jede Minute ist durchgetaktet. Byström ist völlig entspannt, unkapriziös, charmant und verfügt über einen sehr feinen Humor. Über die Produktion selbst kann sie zum Zeitpunkt des Interviews noch nichts sagen – die ersten Proben finden erst nach Erscheinen dieser Ausgabe statt –, dafür über den Charakter ihrer Rolle umso mehr: „Salome hat viel zu viele schreckliche Dinge gesehen, ihre Eltern haben sie nicht geliebt, aber genau diese Liebe sucht sie. Und die Musik ist mit großen Pinseln gemalt, aber sie hat auch ganz, ganz viele kleine Facetten.“

Byströms Eltern sind Musiker, ihre Mutter ist Organistin. „Ich habe im Chor gesungen und sehr früh die großen Stimmen der Opernwelt gehört und versucht, sie nachzumachen. Ich dachte mir als Kind, dass Oper für mich perfekt ist: Ich kann spielen und singen.“

Byström kann Mozart, Puccini, Rossini, Verdi. Aber die Salome war ihr Durchbruch. „Die Salome hat sehr viel für mich getan. Davor habe ich keine so dramatischen Sachen gesungen. Salome war ein großes Risiko, aber es hat sich gelohnt, und es haben sich Türen geöffnet zu Rollen, an die ich nie gedacht habe.“ Und jetzt? Byström lacht: „Früher habe ich nie an Isolde gedacht – und langsam denke ich daran.“ Ein Wunsch? „Ich möchte immer Verdi singen. Er ist wichtig für meine Stimme. Verdi ist für mich die Weiterentwicklung von Mozart.“

Krabbelnde Maikäfer in der Hose

Keine Ahnung, warum, aber während Byström das sagt, fällt mir ein, was Richard Strauss’ Vater (er war Erster Hornist des Münchner Opernorchesters) sagte, als ihm „Salome“ das erste Mal vorgespielt wurde: „Gott, diese nervöse Musik! Das ist ja gerade, als wenn einem lauter Maikäfer in der Hose herumkrabbelten.“

Malin Byström
Spiel mit dem Licht. Malin Byström in der Bar des 25hours Hotel in München.

Foto: Peter Rigaud

Strauss, der geniale Harmoniker, der die Tonarten bis zum Exzess ausreizte, fand das witzig.

Testes Arbeit ist von hoher kinematografischer Qualität und Körperlichkeit. Sehr französisch.

Sergio Morabito Chefdramaturg der Wiener Staatsoper

Oscar Wilde schrieb die literarische Vorlage der Oper dreizehn Jahre vor der Uraufführung des Strauss’schen Werks. Der Stoff über eine Jungfrau, die den abgeschlagenen Kopf von Johannes dem Täufer küsst, wurde 1892 als ungeheuerliche Perversion und als Resultat moralischer Verdorbenheit aufgenommen und sorgte für einen handfesten Skandal. Strauss kümmerte sich selbst um die Erarbeitung des Librettos. Er hielt sich an die deutsche Übersetzung, musste aber circa die Hälfte des Textes streichen.

Die Musik und die zugrunde liegende Thematik hatten 1905 den Nerv der Zeit getroffen.

Die Sache mit dem Schleiertanz

Und da war auch noch die Sache mit dem Schleiertanz: Er wurde zur Projektionsfläche erotischer Fantasien und Ablehnung. Wer ihn noch nie gesehen hat: Salome tanzt in einem Instrumentalstück für Herodes. Den Autor dieser Zeilen erfasst jedes Mal tiefstes Mitleid mit den betroffenen Sängerinnen. Für andere ist es pure Erotik.

Die allererste Salome, Marie Wittich, weigerte sich zu tanzen und wurde gedoubelt. Maria Ewing – eine durchaus exzentrische amerikanische Sopranistin – trug sieben Kleider zu Beginn, eins nach dem anderen zog sie aus. Am Ende war sie nackt. Das Video dazu auf YouTube unterliegt einer Altersbeschränkung. Regisseurin Katharina Thalbach ließ ihre Salome in einem Designer-Kochstudio mit Früchten tanzen. Guy Joosten spielte in Barcelona während des Schleiertanzes eine filmische Rückblende ein, in der er Salomes dramatische Kindheit zeigte. Nina Stemme sang die Salome, ihre Tochter spielte das Salome-Kind. Bei Barlogs Inszenierung an der Staatsoper (das ist jene, die jetzt ersetzt wird) war es ebenfalls ein Tanz mit Schleier.

Und jetzt? Fix ist, dass sich Traditionalisten und Kritik an der Neuinterpretation abarbeiten werden – positiv oder negativ, aber beides mit größter Emotion. Also, wie wird der Schleiertanz in der Cyril-Teste-Inszenierung?

Wir fragen beim Chefdramaturgen der Wiener Staatsoper nach, bei Sergio Morabito. Aber zuerst eine andere Sache: Beschreiben Sie uns doch Cyril Testes Œuvre, Herr Morabito.

„Seine Arbeit zeichnet sich durch die außergewöhnliche geistige und körpersprachliche Durchdringung der Figuren aus, in Verbindung mit der kinematografischen Ästhetik seines Livekameraeinsatzes. Sein Theater wirkt durch Stilisierung und eine gewisse Künstlichkeit sehr französisch. Dabei sind seine Bilder ästhetisch, ohne je dekorativ zu werden – sie sind aus einem tiefen, empathischen Verstehen der Geschichte generiert. Wie in einem intimen Kammerspiel nähert er sich dem Innenleben der Figuren – was auf Opernbühnen viel zu selten zu erleben ist.“

Und der Schleiertanz?

„Teste will den Blick des Stiefvaters auf die Stieftochter thematisieren. Sein Tanz wird etwas sein, bei dem es nicht um eine Choreografie gehen wird. Es wird eher ein Tanz mit der Kamera und ein Flashback auf Salomes missbrauchte Kindheit werden als ein wirklicher Tanz. Hier wird sich die ganze Sensibilität Testes zeigen und welch großer Künstler er ist.“

Klingt spannend.

Salome: der Schleiertanz

Die allererste Salome, Marie Wittich, weigerte sich zu tanzen. Ein Double musste her. Maria Ewing, exzentrische US-Sopranistin, zog sieben Kleider übereinander an und strippte bis zur Nacktheit. Das Video auf YouTube unterliegt einer Altersbeschränkung. Martin Kušej ließ Salome mit Puppen spielen, die sie alle zerstört. Peter Konwitschny setzte auf einen wilden Befreiungsakt, Katharina Thalbach machte den Tanz zu einem Happening mit Früchten in einem Designer-Kochstudio, und Guy Joosten benutzte ihn für eine filmische Rückblende in die Kindheit von Salome, verkörpert von Nina Stemme.

Übrigens: Der Schleiertanz ist keine orientalische Erfindung, sondern eine von amerikanischen Revuetänzerinnen, die den Schleier für Lichtprojektionen nutzten und als Verweis auf orientalisches Kolorit verwendeten.

Zur Person: Malin Byström

Die schwedische Sopranistin verfügt über ein unglaubliches Repertoire: Mozart, Verdi, Puccini usw. Ihren Durchbruch hatte sie als Salome, die sie bereits an vielen großen Häusern erfolgreich gesungen hat. Sie sagt: „Ich liebe Strauss, möchte aber Verdi nicht verlieren. Er tut mir und meiner Stimme gut.“ Eines ihrer Ziele: die Isolde. Ihr Debüt in Wien sang sie 2020: Elisabeth in „Don Carlos“.

Zu den Spielterminen von „Salome“ in der Wiener Staatsoper!