Mit einer ordentlichen Ladung Gepäck kamen Regisseurin Adena Jacobs und Choreografin Melanie Lane an einem kalten Februartag in Wien an. Abflugort: Melbourne, Australien. Die Koffer bis oben hin gefüllt mit Jacken und dicken Pullis, die Köpfe voller Ideen für das Stück „Die Troerinnen“, das, der Pandemie geschuldet, einmal verschoben werden musste, am 23. April aber endlich im Burgtheater zur Premiere kam. „Wir sind mit all den Bildern, Assoziatio­nen und Ideen hergekommen, die sich im Lauf von zwei Jahren angesammelt haben. Gleichzeitig war diese Fülle an unterschiedlichen Einfällen für uns nur ein Entwurf, an dem wir gemeinsam mit den Spieler*innen arbeiten wollten“, erklärt Adena Jacobs. 

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Rückblick und Vorausschau

Zwar erwischten sie die winterlichen Temperaturen in Österreich eiskalt – am Tag unseres Interviews fielen winzige Schneeflocken vom Himmel –, die warme Atmosphäre, mit der die beiden Künstlerinnen vom Team des Burgtheaters empfangen wurden, konnte das jedoch schnell wieder kompensieren. Gut so, denn nach der langen Anreise ging die gemeinsame Entdeckungsreise in die Welt der „Troerinnen“ erst so richtig los. „Wenn wir uns gemeinsam in so ein intensives Projekt stürzen, experimentieren und improvisieren wir viel“, so die Regisseurin, die sich unter anderem mit ihren bilderreichen und poetischen Inszenierungen griechischer Tragödien einen Namen gemacht hat. „Die Offenheit, die dafür notwendig ist, ist hier auf jeden Fall gegeben – und auch wichtig, wenn man es mit einem Stoff zu tun hat, der von solch düsterer Komplexität geprägt ist.“

Die Troerinnen: Zwischen den Welten
Sylvie Rohrer und Sabine Haupt in „Die Troerinnen“.

Foto: Susanne Hassler-Smith

Der Tragödie von Euripides nähern sich Adena Jacobs und Melanie Lane auf sehr körperbetonte Weise. „Wir sehen uns an, wie sich die Geschichten und Traumata dieser Frauen in ihre Körper eingeschrieben haben“, bringt es Melanie Lane auf den Punkt. Teil ihrer Herangehensweise ist es außerdem, sich mit der Zukunft dieser Körper zu beschäftigen und sich in mögliche Formen und Zustände hineinzuträumen. Daran, den Blick sowohl nach vorn als auch in die Vergangenheit zu richten, liegt ihr in ihrer choreografischen Arbeit prinzipiell sehr viel. „Ich beschäftige mich gerne mit der Geschichte eines Körpers, überlege mir gleichzeitig aber auch, wie er in Zukunft aussehen könnte. Es ist also meistens Rückblick und Vorausschau gleichermaßen“, erklärt sie. Aus diesem Grund arbeitet Melanie Lane gern mit Menschen zusammen, die eine besondere Beziehung zu ihrem Körper haben – wie erst kürzlich mit Bodybuilderinnen. 

Zur Person: Adena Jacobs

Adena Jacobs ist künstlerische Leiterin des unabhängigen australischen Ensembles Fraught Outfit. In den Jahren 2014/15 war sie Resident Director der Theaterkompanie Belvoir in Sydney, 2012 war sie Female Director in Residence am Malthouse Theatre in Melbourne. Auch in London und Tokio waren ihre Arbeiten schon zu sehen

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Geschichten und Gefühle absorbieren

Auch die Sprache des Chors, der in dieser Inszenierung aus 20 Jugendlichen und jungen Erwachsenen besteht, ist in erster Linie eine körperliche. Nach der Rolle und Funktion des Chors gefragt, antwortet Adena Jacobs lachend: „Das klingt vielleicht ein wenig abstrakt, aber für uns befindet sich der Chor in einer Art Zwischenwelt – noch nicht geboren und gleichzeitig schon tot.“ Die Mitglieder des Chors gehören also einer Welt an, die es noch nicht gibt, sind gleichzeitig aber auch Teil einer längst vergangenen Zeit. „Ich gebe zu, dass sich das jetzt ein wenig nach Science-Fiction anhört“, setzt die Regisseurin lachend nach und blickt dabei zu Melanie Lane, die sich in ihrer Arbeit ebenfalls dem Abstrakten widmet. Nicht die Choreografie bestimmter Bewegungen oder Schritte steht für sie im Vordergrund, sondern die Erarbeitung spezifischer Stimmungen, die sich aus der Aufgabe des Chors ergeben, Gefühlszustände und Geschichten zu absorbieren. 

Für lange Zeit haben wir einander nur als Köpfe auf Bildschirmen wahrgenommen, als ob wir körperlose Wesen wären.

Adena Jacobs, Regisseurin

Den Stoff endlich auch physisch zu erfahren war auch für die beiden Künstlerinnen wichtig. Schließlich fanden, wie Adena Jacobs erzählt, die meisten Gespräche und Diskussionen per Video-Chat statt. „Für lange Zeit haben wir einander nur als Köpfe auf Bildschirmen wahrgenommen, als ob wir körperlose Wesen wären. Es fühlt sich gut an, dass wir nun alle wieder in unsere Körper zurückgekehrt sind und einander auf diese Weise begegnen können.“ 

Die Troerinnen: Zwischen den Welten
Für Adena Jacobs und Melanie Lane ist es die erste Arbeit mit dem Ensemble des Burgtheaters. Von der offenen Atmosphäre sind sie schon nach ­wenigen Probentagen begeistert.

Foto: Maša Stanić

Grenzen erweitern

Blickt man auf die Liste ihrer bisherigen Inszenierungen, besteht keinerlei Zweifel daran, dass sich Adena Jacobs sehr zum Theater der griechischen Antike hingezogen fühlt. „Ich finde es reizvoll, diese mythologische Welt mit unserer heutigen zusammenzubringen und darüber hinaus auch zukünftige Szenarien zu entwerfen“, antwortet sie, während sie sich auf ihre Unterarme gestützt nach vorn beugt. Ihr Blick ist offen und lebendig. 

Dass es sich dabei um Texte handelt, die in ihren Strukturen patriarchal sind, ist für sie Problem und Anreiz zugleich. „Ich komme immer wieder zu ihnen zurück, um mich zuerst in sie hineinzu­stürzen, sie als Nächstes in tausend Stücke zu zerreißen und dann nach meinen Vorstellungen wieder zusammenzuflicken“, beschreibt sie ihre Herangehensweise. In Australien hat sie schon „Die Bakchen“, „Elektra“ und „Antigone“ inszeniert. „Der Reiz besteht für mich auch darin, dass es sich häufig um Menschen und Welten handelt, die keinerlei Limits zu haben scheinen, die grenzenlos sind“, fügt sie hinzu. 

Verwundbarkeit

Wenn sie die Stücke der griechischen Antike neu denkt und mit ihren Ideen und Vorstellungen anreichert, lotet sie dabei auch die Beziehung der Spieler*innen zum Publikum neu aus. So folgt sie in ihren Arbeiten stets dem Wunsch, die Blicke der Zuseher*innen und die Rolle des Publikums immer wieder zu hinterfragen und neu zu definieren. „Ich möchte die Grenzen dessen erweitern, was Menschen, die sich ein Theaterstück ansehen, normalerweise erleben. Sie sollen sich das Stück selbst erträumen, es selbst erschaffen. Wir lassen genug Platz dafür. Auf diese Weise entsteht auch eine Form von Verwundbarkeit.“ 

Zur Person: Melanie Lane

Die Choreografin mit Wurzeln in Australien und Java hat schon mit Künstler*innen aus den Bereichen Film, bildende Kunst, Theater und Musik zusammengearbeitet. Ihre Arbeiten wurden bereits auf vielen internationalen Festivals gezeigt. 2017 gewann sie den Leipziger Bewegungskunstpreis. 

Diesen Raum möchte Adena Jacobs auch den Spieler*innen in der Probenarbeit geben. Das beinahe völlig leere Bühnenbild, vor dem wir während des Interviews sitzen, könnte exemplarisch dafür stehen – ist mit Sicherheit aber auch der Tatsache geschuldet, dass die Proben zum Zeitpunkt unseres Ge­spräches gerade erst angelaufen sind. Für unsere Augen außerdem unsichtbar: all die Taschen voll mitgebrachter Bilder, Ideen und Assoziationen, die sich nun – in einem noch unerforschten Raum und in einer anderen Zeitzone – auf ganz neue Weise ausdehnen können.

Zu den Spielterminen von „Die Troerinnen“ im Burgtheater