Lotte de Beer freut sich. Ein Gefühlszustand, von dem man annimmt, dass er bei Lotte de Beer immerwährend ist. Ein Sommernachmittag in der Wiener Volksoper. Wir sind auf der Suche nach einer ruhigen Ecke. Gerade eben waren wir in der Probebühne in der Wilhelm-Exner-Gasse, das ist gleich ums Eck vom WUK, exakt 400 Meter sind es von der Volksoper. Eine Information, die Sie sich nicht merken müssen. Es ist reine Angeberei, damit Sie sehen, wie gut wir vorbereitet sind.

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Harald Schmidt probt dort an der „Dubarry“, deren gleichnamige Hauptfigur Annette Dasch spielen wird. Jan Philipp Gloger führt Regie, und Schmidt selbst gibt den Franzosen-Kaiser Ludwig XV.

Erst im Oktober 2020 wurde Lotte de Beer zur neuen Direktorin der Volksoper bestellt, und jetzt ist Start – nach nur 23 Monaten Vorbereitungszeit. Das ist in einem Geschäft, in dem Verträge mit Künstler*innen drei bis fünf Jahre im Vorhinein geschlossen werden müssen, gar nichts. Dazu kommt: Es gibt nichts Kräftezehrenderes als den künstlerischen Parallelbetrieb – also eine Neupositionierung eines Hauses aufzusetzen, während die auslaufende Intendanz und der reguläre Repertoirebetrieb noch weiterlaufen.

Und dann ist da noch das „Schau ma mal, dann sehen wir schon“-Wien, das Neuankömmlingen bekanntlich viel Aufmunterndes zu bieten hat. Stimmungsaufhellend ist anders. Aber da wären wir wieder bei Lotte de Beer. Die ist nämlich auch anders. Völlig anders.

Omer Meir Wellber
Omer Meir Wellber, der neue Musikdirektor, gibt seinen Einstand mit Musik von Piazzolla und jüdischer und türkischer Musik

Foto: Barbara Pálffy

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In Rekordzeit hat sie Team, Ensemble und Programm zusammengestellt und mit Omer Meir Wellber einen der spannendsten Dirigenten als musikalischen Leiter installiert. Dem weltumarmenden Charme Lotte de Beers ist mittlerweile die halbe Stadt erlegen. Man merkt, wie sehr eine Frau an der Spitze einem Theater-Tanker, wie es die Volksoper einer ist, guttut.

Wir haben mittlerweile eine ruhige Ecke in der Volksoper gefunden. „Was ist eigentlich das große Gefühl, der eine Satz, der über Ihrer Intendanz steht?“, fragen wir. „Ich will“, sagt Lotte de Beer nach einem kleinen Moment des Innehaltens, „dass wir mit großem Ehrgeiz das allerbeste und allerwitzigste und am meisten zeitgemäße Haus der Stadt sind. Eine große, kreative Familie.“ Und so zeigt schon das Programm des Eröffnungswochenendes, wohin die künstlerische Reise geht.

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Saisonstart: das Programm

Am Freitag, 2. September geht es los mit der öffentlichen Generalprobe der „Dubarry“. Am Samstag dann die Premiere.Am Sonntagvormittag darf dann Steef de Jong mit einem seiner berühmten Papp-Konzerte ran.

Er ist eigentlich bildender Künstler, liebt aber die Operette. Mit 15 hat er hier in der Volksoper seine erste Operette gesehen, und seither ist er dem Genre verfallen. Er wird gemeinsam mit zwei Sängern ein bezauberndes Programm performen, mit dem er uns alle wieder zu staunenden Kindern machen wird.

Lotte de Beer

Unser Tipp: Das Stück ist zwar als Familienmatinee ausgewiesen – aber auch wenn Sie keinen jungen Nachwuchs haben, gehen Sie hin! Es ist einzigartig, was de Jong auf die Bühne bringt. In 70 Minuten rast er mit seinem szenischen Konzert durch vier Operetten: „Orpheus in der Unterwelt“, „Die Fledermaus“, „Ein Walzertraum“ und „Der Zarewitsch“. Wie kriegt man so etwas allein hin, Herr de Jong? „Mit Pappkarton! Ausklappbare Kostüme ermöglichen es mir, sehr schnell von Charakter zu Charakter zu wechseln. Im Bühnenbild verwende ich oft Techniken aus Pop-up-Büchern. Meine Arbeit sieht dadurch sehr handgemacht und selbst gebastelt aus. Man sieht, wie alles gemacht wird. So entsteht die Aufführung vor den Augen des Publikums, sie entfaltet sich buchstäblich.“

Steef de Jong mit dem Modell
Der Mann pappt Ihnen 4 Operetten in 70 Minuten um die Ohren. Steef de Jong mit dem Modell seines selbst gebastelten Bühnenbildes. Ein einzigartiger, poetischer Event für die ganze Familie.

Bild: Barbara Pálffy

Am Sonntagabend (4. September, 18 Uhr) dann die Wiederaufnahme von Achim Freyers berühmter „La Cenerentola“-Inszenierung. Zwei wunderbare neue Stimmen wird man da erstmals an der Volksoper hören: die Kanadierin Wallis Giunta und den New Yorker Tenor Timothy Fallon. Lotte de Beer: „Ich liebe Wallis. Sie hat eine wunderbare Mezzo-Stimme und ist ein Spieltier, eine Bereicherung für das Ensemble. Und mit Timothy habe ich Leoš Janáčeks ‚Schlaues Füchslein‘ gemacht. Er ist ein Tenor, der gut spielen und wunderschön singen kann.“

Wallis Giunta
Die kanadische Sopranistin Wallis Giunta ist neu im Ensemble und hat das Potenzial zum Publikums-Liebling. Sie wird in der legen­dären Achim-Freyer-­Inszenierung der Cenerentola zu sehen sein.

Bild: ­Barbara Pálffy

Sigrid Hauser ist der Frosch

Ebenfalls am 4. September (ab 22 Uhr, also nehmen Sie sich den Montag frei) wird sich der neue Musikdirektor Omer Meir Wellber mit einem „Freunde“-Abend dem Publikum vorstellen. Womit? Das sagt er Ihnen selbst: „Musik von Piazzolla sowie aus der jüdischen und türkischen Tradition. Mit dem Tenor Mert Süngü und Musiker*innen des Orchesters der Volksoper Wien.“

Sigrid Hauser als Frosch
Publikumsliebling Sigrid Hauser tudierung der „Fledermaus“ spielen.

Bild: Barbara Pálffy

Montag wird dann ausgeschlafen, und am Dienstag steht dann eine neu aufpolierte „Fledermaus“ auf dem Programm. Publikumsliebling Sigrid Hauser übrigens gibt den Frosch – „mit einem sehr, sehr schlauen Monolog“, wie Lotte de Beer verspricht.

Zur Person: Lotte de Beer

Sie hat in Amsterdam studiert und gilt als eine der spannendsten Regisseurinnen der Branche. Sie selbst kann Operette genauso wie Oper. Für die Saison 2022/23 hat sie ein buntes, witziges und auch tiefgehendes Programm zusammen­gestellt, das für ein volles Haus sorgen wird.

Zu den Spielterminen der Volksoper Wien!