Der Weg in die Welt von Marianne Fritz führte Schauspielerin Katharina Lorenz in ein Haus aus Buchstaben. Damit ist sowohl die Sprache selbst gemeint, die sich im Falle der 2007 verstorbenen Schriftstellerin mit der Tiefe und Unergründlichkeit des Marianengrabens vor einem auftut, als auch der Ort ihres Ursprungs – die ehemalige Wiener Wohnung der Autorin, die Katharina Lorenz im Zuge der Arbeit an dem Stück „Die Schwerkraft der Verhältnisse“ besuchte. Bastian Kraft, der am Burgtheater unter anderem schon „Mephisto“ und „Dorian Gray“ inszenierte, bringt das Erstlingswerk der Autorin auf die Bühne des Akademietheaters. Als „feinen Beobachter“, der sich sehr vorsichtig an den Text der Autorin herantastet, beschreibt ihn Katharina Lorenz, die zum ersten Mal mit dem deutschen Theaterregisseur zusammenarbeitet.

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„Die ganzen Wände sind voller Bücher“, erzählt die in Leverkusen geborene Schauspielerin, die seit 2008 zum Ensemble des Burgtheaters gehört, von ihrem Besuch. „Ihre Wohnung ist zudem ein riesengroßes Archiv, weil sich Marianne Fritz akribisch mit Dingen und Themen beschäftigt hat, bevor sie begann, darüber zu schreiben. Außerdem hat sie schon sehr früh mit dem Schreiben angefangen und das zeit ihres Lebens gemacht". Irgendwann hat sie ihre Wohnung kaum noch verlassen, fand die Schauspielerin im Zuge ihrer Recherchearbeit heraus. „Sie hat ihr Leben dem Schreiben verschrie­ben“, bringt sie es nach einer kurzen Pause auf den Punkt. Martin Heideggers altes Diktum „Die Sprache ist das Haus des Seins“ scheint auf die in Vergessenheit geratene Autorin in besonderer Weise zuzutreffen. Und Katharina Lorenz ist gekommen, um in jede Ecke dieses Hauses hineinzuleuchten.

Der Lusterboden des Burgtheaters erinnert mit seinen gelagerten Requisiten optisch an das Bühnenbild von „Der Untergang des Hauses Usher“.

Foto: Andreas Jakwerth, Styling: Simon Winkelmüller. Hair & Make-up: Lydia Bredl, Location: Burgtheater, Produktion: Kerstin White

Zum Ursprung des Textes

Als „akribisch“ bezeichnet die Schauspielerin auch die Art und Weise, mit der sie sich auf ihre Rollen vorbereitet. Eine Herangehensweise, die der 2009 verstorbene Regisseur Jürgen Gosch sehr geprägt hat. „Ich war Anfang zwanzig, als ich begonnen habe, mit ihm zu arbeiten. Er sagte immer, dass es eine Sache gibt, die er von den Schauspielern verlangt, wenn sie mit ihm arbeiten möchten: Sie sollen sich für sich selbst, für den Autor und für den Regisseur interessieren. Das hat sich bei mir eingebrannt". Um auf ihren Besuch in der Wohnung von Marianne Fritz zurückzukommen, fügt sie hinzu, dass es ihr als Schauspielerin wichtig sei, zu wissen, woher ein Text, aber auch die verwendete Sprache kommt. Und dass es beim Lesen der Texte von Marianne Fritz unweigerlich passiert, dass man diesen Dingen auf den Grund gehen möchte.

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Der 1978 erschienene Roman „Die Schwerkraft der Verhältnisse“ ist ein Medea-Stoff, der sich im kleinbürgerlichen Milieu abspielt. Berta, die Marianne Fritz ins Zentrum des Textes rückt, ist, obwohl sie zur Kindsmörderin wird, Täterin und Opfer zugleich. Es gelingt ihr nicht, sich selbst und ihre Kinder vor dem Zugriff der Umwelt zu schützen. Sie entkommt der Schwerkraft der Verhältnisse nicht, die für Berta, ergänzt Katharina Lorenz, für das Leben als solches steht. Zur Verdeutlichung zitiert die Schauspielerin mit ruhiger, klarer Stimme eine Stelle aus dem Text. „Übereinkünften unterordne ich mich dann, wenn sie mich aus irgendwelchen ‚Gründen‘ überzeugen. Aber nicht, WEIL die Übereinkünfte ‚nun einmal‘ gegeben sind.“ 

Von den Regisseur*innen, mit denen sie zusammenarbeitet, wünscht sich Katharina Lorenz Scharfsinn und Neugier. Und einen konzentrierten Raum.

Foto: Andreas Jakwerth, Styling: Simon Winkelmüller. Hair & Make-up: Lydia Bredl, Location: Burgtheater, Produktion: Kerstin White

Genaues Beobachten

Zwar gibt es mit dem Marianne-Fritz-Park im 7. Bezirk einen Ort, der an die Autorin erinnert, im österreichischen Literaturkanon hat sie jedoch keinen festen Platz. Das eint sie mit der Romanautorin und Dramatikerin Anna Gmeyner, in deren viel zu selten gezeigtem visionären Stück „Automatenbüfett“ Katharina Lorenz eine der Hauptrollen spielt. „Ich finde es großartig vom Burgtheater, dass Autorinnen wie Anna Gmeyner und Marianne Fritz wieder an die Oberfläche geholt werden, und freue mich, Teil dieser beiden Produktionen sein zu dürfen“, sagt sie und weist darauf hin, dass Vergessen kein passiver, sondern ein aktiver Vorgang ist. 

In „Automatenbüfett“ und „Der Untergang des Hauses Usher“, das im Sommer bei der Ruhr­triennale Premiere feierte, arbeitete Katharina Lorenz mit der Regisseurin Barbara Frey zusammen, die sie schon sehr lange kennt. An der Heran­gehensweise der ehemaligen Intendantin des Zürcher Schauspielhauses schätzt die Schauspielerin unter anderem, dass sie sich dem Probenprozess genauso aussetzt, wie es die Schauspieler*innen tun. „Sie kommt nicht und erklärt, wie es geht, sondern bringt eine unglaublich große Bereitschaft mit, den Spieler*innen zuzuschauen – und ist dabei eine sehr genaue Beob­achterin“, beschreibt Katharina Lorenz die Arbeitsweise der Regisseurin.

Befreit und schwerelos. Wenn sich Katharina Lorenz nach Vorstellungen von der Schwerkraft der Verhältnisse befreit fühlt, ist das für sie ein Idealzustand.

Foto: Andreas Jakwerth, Styling: Simon Winkelmüller. Hair & Make-up: Lydia Bredl, Location: Burgtheater, Produktion: Kerstin White

Scharfsinn und Neugier

„Denn die wirklich interessanten Dinge kann man sich nicht am Schreibtisch ausdenken, die geschehen, wenn Menschen in den Proben aufeinandertreffen.“ Außerdem schätzt sie es sehr, dass Barbara Frey von den Spieler*innen höchste Konzentration einfordert. „Wenn mir das nicht gelingt, brauche ich morgens gar nicht erst aufzustehen“, so der Standpunkt der Regisseurin. Schließlich seien Probebühne und Bühne zwei der wenigen Orte, die es in unserer Welt noch möglich machen, Stille herzustellen. In dieser Konzentration auf eine Sache, die das Theater auch für die Zuseher*innen zu einem einzigartigen Ort macht, liegt für Katharina Lorenz die große Möglichkeit, Fantasien entstehen zu lassen. Und ein Freiheitsgefühl, das sich für die Schauspielerin auch dann ergibt, wenn man in der gemeinsamen Arbeit an einem Stück zu einer verschworenen Gemeinschaft – zu Komplizen – wird und „sich auf eine gemeinsame Reise begibt“. 

Die Bedeutung dieser konzentrierten Ruhe, die Katharina Lorenz auch im Gespräch ausstrahlt, wurde für sie schon sehr früh erfahrbar. „Mein Großvater, der Maler war, hat mich porträtiert, als ich acht Jahre alt war. Ich musste also mehrere Stunden am Stück stillsitzen. Das waren meine ersten Berührungspunkte mit Kunst“, erinnert sich die Schauspielerin, die über den Tanz zum Theater kam. In der Zusammenarbeit mit Regisseur*innen sind ihr außerdem Scharfsinn und Neugier wichtig. „Das fordere ich auch ein“, sagt sie mit der für ihre Art sich auszudrücken typischen Klarheit. „Schließlich wird von uns Spieler*innen auch eingefordert, präsent und leidenschaftlich zu sein. Wenn etwas wischiwaschi ist, dann nervt mich das.“ Auch im ­Gespräch zeigt sich schnell: Füllwörter und Zierzeilen sind Katharina Lorenz’ Sache nicht. In ihrem Haus aus Sprache sind alle Buchstaben klar konturiert. 

Marianne Fritz ließ sich nur selten fotografieren und gab kaum Interviews. Ihr ging es einzig um das Schreiben.

Foto: Digne Meller Marcovicz

Im Nirgendwo

In ihrem ersten Jahr in der österreichischen Bundes­hauptstadt spielte Katharina Lorenz eine selbstbestimmte Margarethe in Goethes „Faust“ und damit ihre erste große Rolle am Burgtheater. Ihre Anfangszeit in Wien war aber auch von Heimweh überschattet. „Gleichzeitig hält es mich aber sehr in Wien, weil ich mich hier immer noch nicht ganz zu Hause und nach wie vor ein bisschen fremd fühle, was mir jedoch eine große Freiheit gibt. Es hat ein paar Jahre gedauert, aber nun bin ich wirklich glücklich, hier zu sein“, sagt die Schauspielerin, der es gut gelingt, in ihrem Beruf kein Gefühl von Routine aufkommen zu lassen. „Wenn Neugierde und Leidenschaft verlorengehen, ist das nicht gut. Aber das ist mir glücklicherweise noch nie passiert.“ 

Das Schönste an der Schauspielerei ist das Nichtwissen.

Katharina Lorenz

Abwechslung ergibt sich auch durch die Chance, bei jeder Produktion neue Begegnungen zu erfahren. Denn auch nach mehr als zehn Jahren am Haus gibt es immer noch einige Kolleg*innen, mit denen sie noch nie auf der Bühne stand. Mit Itay Tiran zum Beispiel, der in der Fernsehserie „Der Tel-Aviv-­Krimi“ ihren Ehemann spielte.

Am allerschönsten findet Katharina Lorenz an ihrem Beruf aber das „Nichtwissen“. Wie sie das meint? „Nach zehn Jahren der Ausübung denkt man, dass man vielleicht einen Fahrplan hätte, aber man kommt immer wieder in die Situation, nichts zu wissen. Wenn die Proben beginnen, weiß man zwar, dass am Ende ein Stück herauskommt, aber eigentlich ist man im Nirgendwo. Das ist zwar manchmal beängstigend, gleichzeitig ist es aber auch ein ganz toller Zustand.“ Bei der Frage, ob es nach Vorstellungen eine Art Idealzustand für sie gibt, kommen wir wieder zum Debütroman von Marianne Fritz zurück. „Manchmal schaue ich nach Vorstellungen, die mir etwas bedeuten, in den Spiegel und fühle mich frei. Befreit von der Schwerkraft der Verhältnisse.“ Schwerelos in einer Welt, die ihren eigenen Regeln folgt. 

Auf ihre Theaterrollen bereitet sich Katharina Lorenz gerne genau vor.

Foto: Andreas Jakwerth, Styling: Simon Winkelmüller. Hair & Make-up: Lydia Bredl, Location: Burgtheater, Produktion: Kerstin White

Zur Person: Katharina Lorenz

Die Schauspielerin, Enkelin des ­Malers Kurt Lorenz, wurde 1978 in Leverkusen geboren. 1999 begann sie eine Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule. Seit der Spielzeit 2008/2009 gehört sie zum ­Ensemble des ­Burgtheaters, an dem sie zuletzt mit „Automatenbüfett“ und „Der Untergang des ­Hauses Usher“ Premiere feierte.

Zum Spielplan des Burgtheaters